Ulm News, 19.11.2012 11:24
Martin Walser begeistert die Zuhörer im ausverkauften Stadthaus
Der Schriftsteller Martin Walser las am Freitagabend im voll besetzten Ulmer Stadthaus aus seinem aktuellen Roman "Das dreizehnte Kapitel". Die Zuhörer waren beeindruckt vom 85-jährigen Autor, von dessen Präsenz und Sprachgewalt. Fotos von Martin Walser in der ulm-news Galerie.
85 Jahre alt ist Martin Walser, der in Nußdorf am Bodensee lebt, und am Freitag zu einer Lesung ins Ulmer Stadthaus gekommen war. Walser stellte sein aktuelles Buch "Das dreizehnte Kapitel" vor. Dem bedeutenden Schriftsteller ist sein Alter nur anzumerken, wenn er sich bewegt und läuft. Aus seinem Briefroman "Das dreizehnte Kapitel" las er stehend am Pult. Präzise, wortgewältig und konzentriert. Eine Stunde lang, pointiert und akzentuiert und ohne einen einzigen Versprecher. Allein dies was schon beeindruckend. Nach der Lesung beantwortete er vergnügt und schlagfertig Fragen zu seinem Buch, in dem sich eine Frau und ein Mann, beide wie sie immer wieder betonen glücklich verheiratet, Briefe schreiben und sich gegenseitig intime Einblicke in ihren Alltag, ihr Leben und ihre Gefühle geben. "Alles endet aber nicht im Zimmer im Hotel Adlon", wie Walser erklärt. Es bleibt bei der schriftlichen Kommunikation, ein manchmal etwas verkopftes, aber sprach-und wortgewaltiges und auch vergnügliches Hin-und Her , lange Zeit per Brief - nebenbei auch ein Bekenntnis zum ruhigen, ausführlichen Schreiben -, dann via E-Mail und I-Phone. Das Buch beginnt mit einem Treffen im Schloss Bellevue beim Bundespräsidenten ("einem von mehreren") und die damalige Bundespräsidentin-Gattin habe ihn tatsächlich beeindruckt. Welche dies nun war, wollte er aber nicht verraten.
'Als Autor könne man dann entscheiden, wei man ein Buch begänne, erklärte Walser. "Ich fand, dass es sich im Schloss Bellevue besser beginnen lässt als im schwarzen Adler in Grabenstetten". Das, was seine Protagonisten tun, sei kein Betrug am Partner, so Walser. "Eher Verrat. Betrug in der Liebe ist die normale Gymnastik - und nicht nötig."
Wie die beiden miteinander umgehen, wird Walser gefragt. Theoretisch? Keinesfalls. Geistig? Schon gar nicht. "Eher lebendig", meint der Schriftsteller sichtlich amüsiert. Und erklärt, dass er schreibt, der Leser sein Geschriebenes aber zusammensetzt, spürt, interpretiert und für sich verarbeitet. "Lesen ist nicht wie Musik hören, Lesen ist wie musizieren", so beendet Martin Walser seine Lesung mit einem sehr klugen Satz und wechselt dann an den Signiertisch. Freundlich, routiniert und flink - mit der rechten Hand wird unterschrieben und mit der Linken schon das nächste Buch herangewunken - signiert Walser seine Bücher - in der Regel mit der gewünschten Widmung. Beeindruckend in jeder Hinsicht.





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