Ulm News, 27.03.2011 18:00
Ulmer Geschichte(n): Der Schneider von Ulm
hat's Fliega probiert
No hot'n der Deifel
en d' Donau nei g'führt
Die Wissenschaftsstadt Ulm lobt seit 1988 in regelmäßigen Abständen einen Preis aus zum Gedenken an den Mann, der als erster Gleitflieger in die Geschichte der Luftfahrt eingegangen ist. Der „Berblinger-Preis“ soll Flugzeugbauer in aller Welt dazu anstiften, ihre Kreativität auf Verbesserung der Sicherheit, Umweltverträglichkeit, Aerodynamik, Bauweise und Wirtschaftlichkeit zu konzentrieren. Im Jahr 1996 fand im Namen des Schneiders von Ulm der weltweit erste Wettbewerb mit solargetriebenen Flugzeugen statt, das „Berblinger-Solar-Vergleichsfliegen“. Und seit 1998 stiftet die Deutsche Gesellschaft für Luft- und Raumfahrtmedizin (DGLRM) alljährlich zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses in ihren Disziplinen den „Albrecht-Ludwig-Berblinger-Preis“. Wer war dieser Albrecht Ludwig Berblinger? Schneider war er von Beruf, nicht aus Berufung. Geboren ist er am 24. Juni 1770 als siebtes Kind seiner Eltern. Der Vater starb, als Albrecht Ludwig 13 Jahre alt war. Der Bub kam ins Waisenhaus. Es war der Waisenvater, der auf die Idee kam, ihn in eine Schneiderlehre zu schicken. Berblinger selbst hatte dazu keinerlei Neigung verspürt. Er war vielmehr der Mechanik zugetan. Wenn das Schneiderhandwerk auch nicht sein Traumberuf war, so war Berblinger darin dennoch recht erfolgreich: Bereits mit 21 Jahren wurde er Meister - vier Jahre vor dem dafür vorgesehenen Alter. Seine Erfindungsgabe stellte er unter Beweis, als er dem Invaliden Elias Schlumperger buchstäblich wieder auf die Füße half. Diesem Stadtsoldaten hatte im Juli 1807, als die Ulmer Napoleons Sieg in der Schlacht bei Friedland feierten, ein explodierender Böller den Fuß weggerissen. Damals waren als Prothesen noch hölzerne Stelzen üblich. Berblinger aber baute Schlumperger 1808 eine „künstliche Fußmaschine“, die tatsächlich wie ein Bein aussah und - Vorfahrin der heutigen Prothese - sich in den Gelenken bewegte.
Ob der bekannte Stich von Johannes Hans, der Berblingers Flügel von vorn und von oben zeigt, lediglich von den sehr ähnlichen Darstellungen des Degen’schen Fluggerätes abgekupfert ist oder ob er Berblingers Weiterentwicklung naturgetreu
wiedergibt, darüber streiten sich die Experten. Um die Zeit, in der Berblinger seinen ersten Flugversuch starten wollte, sollte der
württembergische König Friedrich I. nach Ulm kommen. Man schrieb das Jahr 1811, Ulm war im Jahr zuvor württembergisch geworden und sah nun dem ersten Besuch des neuen Landesvaters entgegen. Was konnte man diesem Spektakuläreres bieten als einen Flug? Also wurde Berblingers Vorhaben auf den Termin gelegt, da der König in Ulm weilte: auf den 30. Mai. Natürlich wollten die Ulmer vor ihrem neuen Souverän glänzen und sich keinesfalls blamieren. Daraus folgt, dass das Gelingen des Fluges als sicher galt. Vermutlich war dafür nicht nur Berblingers guter Ruf als Schneider und Mechaniker ausschlaggebend, sondern es hatten sich wohl auch seine Gleit-Übungen am Michelsberg herumgesprochen.
nicht entspreche. Im Gegensatz zu den Gerüchten, die später in der Stadt umgingen, hatte der König an diese Gabe keineswegs die Bedingung geknüpft, dass Berblinger seinen Versuch wiederholen müsse. Doch der trat tags darauf - der König war bereits abgereist - erneut an, diesmal vor des Königs Bruder, der angeblich weniger verständnisvoll auf Berblingers neuerliches Zögern reagierte als Friedrich. Denn wenn die Flügel jetzt auch repariert waren: Im Gegensatz zum Versuchsgelände am Michelsberg fehlte über der Donau der Aufwind. Berblinger wird das wohl gespürt haben, aber die Gesetze der Thermik waren damals noch unbekannt. Ob er dennoch freiwillig sprang oder ob ihn, wie behauptet wird, ein Polizeidiener gestoßen hat: Berblinger stürzte wie ein Stein ins Wasser, aus dem ihn ein paar Schiffleute retteten. Die Reaktionen waren gnadenlos - und zwar nicht nur seitens der biedermeierlichen Spießer in Ulm, die ja schon immer gewusst hatten, dass der Mensch nicht fliegen kann. Auch jene, die dem Fortschritt gegenüber offen waren, äußerten vernichtende Kritik, etwa die National-Zeitung der Deutschen. Die schrieb einen Monat nach dem Fehlstart über Berblinger: In der That scheint er weder theoretische Kenntnisse, noch mechanisches Genie zu besitzen. Sie berichtete überdies: Er wird mit einer Menge von Spottliedern gegeißelt.
Berblinger hatte seine Kundschaft und damit seine Existenzgrundlage verloren. Aus einem Stadtgerichts-Protokoll vom 15.Februar 1812 wissen wir, dass er als Regiments-Schneider in den Dienst des in Ulm stationierten Königlichen Cheveaulegers-Regiment Nr.1 trat. Zur Ehrenrettung Ulms sei festgestellt, dass in dem Zeugnis, das Berblinger hierfür benötigte, ihm auch damals noch mehrere sehr angesehene Persönlichkeiten der Stadt bestätigten, seine Profession gut zu verstehen und ein erfinderischer Kopf zu sein. Dass er kein Vermögen habe, ist dem Schrieb ebenfalls zu entnehmen. Daran dürfte sich nichts mehr geändert haben. Berblingers weiteres Elend ist aus diversen Annoncen und amtlichen Protokollen nachzuvollziehen. Er hat sich dem Nichtstun hingegeben, hat sich dann wieder zu einem Neubeginn emporgerappelt, wollte später erneut bei einem Regiment als Schneider dienen, ist aber schließlich als Spieler und Trinker und als „civiliter mortuus“, als gescheiterte Existenz, in die Akten eingegangen. Seine Frau Anna starb 54jährig im März 1820 an „Abzehrung“.



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