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Ulm News, 17.04.2017 22:11

17. April 2017 von Thomas Kießling
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Europa ist ein Friedensprojekt - Ulmer Dekan Ernst-Wilhelm Gohl bei „Pulse of Europe“ auf dem Petrusplatz


Warum Christen sich für Europa einsetzen müssen, hat der Ernst-Wilhelm Gohl, der Dekan des evangelischen Kirchenbezirks Ulm, am Ostersonntag bei der Pulse-of- Europe-Kundgebung auf dem Neu-Ulmer Petrusplatz vor über 250 Teilnehmern  erläutert. 

Die Kundgebungsteilnehmer hatten zuvor demonstrativ die Grenze zwischen zwei Ländern überwunden – durch den „Brückengang“ vom Ulmer Marktplatz über die Herdbrücke – und teilten auf dem Petrusplatz das Osterbrot miteinander, musikalisch unterhalten von Tommy Reichle und Michaela Reichle sowie der Ulmer Schauspielerin und Sängerin Carolin Gutting.
„Für die Werte der Europäischen Gemeinschaft war die Erfahrung der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs grundlegend“, erklärte Ernst-Wilhelm Gohl. „Die Europäische Gemeinschaft ist eben nicht nur eine Wirtschaftsgemeinschaft. Sie ist in erster Linie ein Friedensprojekt. Sie hat Europa die längste Phase des Friedens beschert. Es wird Zeit, dass wir – gerade als die Nachgeborenen, die Europa nicht anders kennen – dass wir uns für dieses einmalige Friedensprojekt einsetzen! Das ist kein Selbstläufer. Dafür gehen wir auf die Straße und zeigen: Wir machen uns dafür stark.“ „Egoismus, der Rückzug auf eigene Interessen, auf den eigenen Vorteil, sind keine christlichen Werte – Nationalismus schon gar nicht“, betonte der Dekan: „Wenn Christus für alle gestorben und auferweckt ist, kennen Christen keinen Unterschied zwischen Menschen, Völker und Rassen.“
Christen feierten an Ostern den Sieg des Lebens über den Tod, den Sieg der Liebe über den Hass. „Wer sich Christ nennt“, argumentierte Gohl, „kann nicht zu Hass und Spaltung der Gesellschaft und Europas aufrufen. Christen haben die Aufgabe der Versöhnung! Der Europäische Gedanke ist zutiefst vom Gedanken der Versöhnung geprägt, den die Populisten nun zerstören wollen. Da halten wir dagegen!“ Christen sei zugleich bewusst, dass Menschen kein Himmelreich auf Erden schaffen können.
„Wenn Menschen dies versuchten, endete das meist in Unterdrückung und Gewalt. Wie viel Elend haben politische Ideologien wie etwa der Kommunismus und der Faschismus mit ihren Heilsversprechen über die Erde gebracht?“ rief Gohl und setzte dagegen: „Christen bleiben hier realistisch, setzen sich aber mit allen Möglichkeit ein, dass Liebe sich ausbereitet und nicht der Hass.“ Novalis schreibt in einem Buch über Europa den bestechenden Satz: „Wo keine Götter sind, walten Gespenster“, zitierte Ernst-Wilhelm Gohl aus einem Buch von Novalis über Europa und benannte als heutige Gespenster Nationalismus, Egoismus, Populismus und dergleichen. „Populiste“, erklärte Gohl, „versprechen das Heil auf Erden und präsentieren dann einfachste Lösungen. Und wenn es nicht gelingt, sind die anderen schuld. Populisten kommen dem Wunsch nach, unsere komplizierte Welt einfach zu machen. Die Welt ist aber kompliziert. Deshalb löst der Populismus nicht nur kein Problem, er schafft neue, indem er zum Beispiel die große zivilisatorische Leistung einer Europäischen Gemeinschaft kaputt machen will.
Das Dritte Reich habe ja gezeigt, wozu eine scheinbar aufgeklärte Gesellschaft fähig ist. Deshalb stehe heute im Grundgesetz der Satz „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Das klinge lapidar, verstehe sich aber keineswegs von selbst. Dieser Satz, mahnte Gohl, „hat seinen Grund in der biblischen Überzeugung, dass jeder Mensch ein Geschöpf und Ebenbild Gottes ist. Deshalb steht es keine m Menschen zu, sich an der Würde eines anderen zu vergreifen. Deshalb gibt es keine Menschen erster, zweiter oder dritter Klasse.“ „Natürlich sind Menschen unterschiedlich“, gab der Dekan zu bedenken. „Natürlich müssen wir uns auch über unterschiedliche Positionen und Einstellungen auseinandersetzen.“
Dabei gelte es jedoch, ganz im Sinne Martin Luthers, „zwischen Person und Werk zu unterscheiden.“ Über politische Einstellungen und Konzepte zum Beispiel „darf man fröhlich oder auch engagiert miteinander streiten. Die Würde, die Integrität einer Person bleibt aber unserem Zugriff verwehrt.“ Debatten – auch Kontroversen – die in diesem Geist geführt würden, sähen ganz anders aus. „Hier können wir Christen einen wichtigen Beitrag leisten“, meinte Gohl: „Wir können Positionen klar vertreten und dennoch versöhnlich bleiben.“
Text: Almut Grote



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